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(Quelle : MM Sonntag Aktuell, 10. November 2002)


Premiere im Mannheimer Schatzkistl "Dinner for one... wie alles begann"


Lachsalven für pfiffige Dialoge
Ach ja, so und nicht anders geht´s wahrscheinlich zu bei einem so genannten Vorsprechen, das der moderne Deutsche ja längst Casting oder Audition nennt. Dass es so zugeht, wissen wir, seit Michael Douglas als Zyniker Zach die Girls für den Kultfilm "A Chorus Line" aussuchte und dabei nach Herzenslust schikanierte. Bei der jüngsten "Schatzkistl"-Premiere steht auch ein Casting im Mittelpunkt. Hier geht´s allerdings nicht ums Beinewerfen, hier gilt´s der hehren Schauspielkunst. Die Idee zu "Dinner for one... wie alles begann" entstand in den kreativen Hirnwindungen von Peter Baltruschat und Volker Heymann. Heymann schrieb die pfiffigen Dialoge, führte Regie und übernahm auch gleich die Rolle des leidgeprüften Regisseurs.
Dessen desolate Situation wird dem amüsierten Publikum bald klar, als der erfolglose Mime Klaus Thielmann (Gunter Möckel in einer Bombenrolle) sich als Butler James bewirbt. Thielmanns kläglicher Lebenslauf (viertklassige Bühnen, Schulungsfilme für Einkaufsmärkte) kontrastiert dabei heftig zu seinem prätentiösen Auftreten mit weißem Schal und Staatsschauspieler-Pathos. Mit raumgreifenden Gesten rezitiert er eine Endlos-Passage aus der "Antigone" von Sophokles, die der gestresste Regisseur nur dadurch stoppen kann, dass er die nächste Probandin, die künftige Miss Sophie, dazu bittet. Zuvor hatte Thielmann schon offenbart, dass er mit ebendieser Elvira Strömer seit 20 Jahren als Kabarett-Duo durch die Dörfer tingelt.
Elviras Auftritt – Regina Steegmüller darf hier wieder einmal genüsslich die Haare auf den Zähnen ausspielen – macht rasch klar, dass sich das Chaoten-Duo in herzlicher Abneigung zugetan ist. Aber dann hat der Meister eine Idee! Könnte man nicht zu den vier längst verblichenen Gestalten Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom, die schemenhaft Miss Sophies Geburtstags-Dinner beiwohnen, Lebensläufe erfinden, ihre Beziehung zu Miss Sophie erläutern? Das lassen sich zwei Komödianten vom Schlage Steegmüller/Möckel nicht zweimal sagen. Und schon nehmen sie Gestalt an: der rustikale Gastronom und Bullenzüchter Sir Toby; der alte Haudegen von Schneider, dem in den weiten schwedischen Wäldern der Stoßseufzer entfährt "Lass diesen Elch an mir vorübergehen!"; Piepsstimmchen Pommeroy, der schon im Sandkasten von der dominanten Sophie unterjocht wurde; Winterbottom, der lebenslang scharf auf Sophie war. In den folgenden köstlichen Spielszenen dürfen die beiden Prüflinge nach Herzenslust chargieren; die Dialoge entfesseln ein ums andre Mal Lachsalven im Publikum.
Szenenbeifall nach der Pause für das hochherr-schaftliche Esszimmer, die edle Miss Sophie und den skurrilen Butler James, der virtuos mit Platten und Flaschen über den Tigerkopf stolpert. Die textgenaue Wiedergabe des legendären Silvester-Sketchs wird nur gelegentlich durch ein paar private Seitenhiebe von Elvira auf Klaus aufgemischt. Das brillante Oxford-English beider Protagonisten lässt fast vergessen, dass Thielmanns Wortschatz sich beim Casting noch auf "Fuck you!" beschränkte.

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